{"id":1,"date":"2020-03-27T09:12:00","date_gmt":"2020-03-27T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-hirata.de\/?p=1"},"modified":"2020-04-03T08:26:33","modified_gmt":"2020-04-03T08:26:33","slug":"hello-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-hirata.de\/archiv\/1","title":{"rendered":"Unternehmenspleiten in der Krise sind vermeidbar"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Dass zahlreiche Unternehmen im Zuge der Corona-Krise in die Insolvenz geraten, erscheint vielen unvermeidlich. Dabei ist es nicht einzusehen, warum wir Firmenpleiten zulassen sollten, denn es ist prinzipiell m\u00f6glich, \u00f6konomisch klug und vor allem ein Gebot der Fairness, das fast vollst\u00e4ndig zu verhindern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine von mehreren schwerwiegenden Bedrohungen der Corona-Krise ist die Gefahr einer Serie von Unternehmenspleiten. Dies ist nicht nur f\u00fcr die betroffenen Angestellten und Unternehmer*innen oft tragisch, sondern kann auch eine Kettenreaktion ausl\u00f6sen und Unternehmen oder Haushalte mit in den finanziellen Abgrund ziehen, die andernfalls die Krise wirtschaftlich \u00fcberstanden h\u00e4tten. Au\u00dferdem m\u00fcssten wir in der Folge mit einer anhaltenden Rezession und dauerhaften Sch\u00e4den an der bew\u00e4hrten mittelst\u00e4ndischen Struktur unserer Volkswirtschaft rechnen, worunter auch diejenigen leiden w\u00fcrden, deren Einkommen in der Krise nicht gelitten haben. Wir sollten also sowohl aus Solidarit\u00e4t mit den Betroffenen als auch aus Klugheit bereit sein, sehr weit zu gehen, um vermeidbare Unternehmenspleiten, aber auch Verarmung und Arbeitslosigkeit zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun folgen wirtschaftliche Vorg\u00e4nge wie Entlassungen und Unternehmenspleiten keinen eisernen Naturgesetzen sondern menschengemachten Regeln, und diese lassen sich \u00e4ndern. Mit den bisher beschlossenen Hilfspaketen hat der Bund bereits einige der sonst geltenden Regeln ge\u00e4ndert, weil er richtigerweise erkannt hat, dass die in normalen Zeiten leidlich funktionierenden Regeln in der Krise verheerende Effekte haben. Wir sollten aber noch deutlich mehr in die wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge eingreifen, um Unternehmenspleiten und Entlassungen noch viel entschlossener und fast vollst\u00e4ndig zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu verstehen, dass es grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich ist, fast alle Konkurse und auch finanzielle H\u00e4rten abzuwenden, halten wir uns einmal vor Augen, wie genau es in der Krise zur Zahlungsunf\u00e4higkeit eines Unternehmens kommen kann (ohne Ber\u00fccksichtigung staatlicher F\u00f6rderma\u00dfnahmen wie Kurzarbeitergeld). Nehmen wir ein inhabergef\u00fchrtes Reiseb\u00fcro, das vor der Krise einen ausk\u00f6mmlichen \u00dcberschuss abgeworfen hat und jetzt ohne Einnahmen dasteht. Die weiter anfallenden Lohnkosten, Fixkosten wie Miete, Versicherungen etc. f\u00fchren sofort zu roten Zahlen und je nach H\u00f6he der R\u00fccklagen und Dauer der Krise m\u00f6glicherweise in die Insolvenz. Alle Versuche, die Kosten durch Entlassungen usw. zu reduzieren, helfen zwar dem Unternehmen, bringen aber daf\u00fcr andere schnell in eine wirtschaftliche Notlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Gesellschaft \u2013 nur als Gedankenexperiment \u2013 den kompletten Einnahmeausfall des Reiseb\u00fcros kompensieren w\u00fcrde, w\u00e4re das nat\u00fcrlich einerseits viel Geld. Andererseits w\u00e4re ohne Corona-Krise genau dieser Betrag ja von den Kunden des Reiseb\u00fcros auch ausgegeben worden, wenn auch mit der Gegenleistung einer Urlaubsreise. Um also den Laden finanziell am Laufen zu halten, m\u00fcsste die Gesellschaft \u201enur\u201c auf einige Urlaubsreisen verzichten, diese aber dennoch bezahlen. Das w\u00e4re schade um die entgangenen (aber zu bezahlenden) Urlaubsreisen, aber das ist nun einmal der Schaden, den das Virus anrichtet und der bereits eingetreten ist. Wir k\u00f6nnen ihn uns nicht wegw\u00fcnschen, sondern nur auf unterschiedliche Arten damit umgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re ein vollst\u00e4ndiger Ersatz des Einnahmeausfalls betroffener Unternehmen zu viel: im Sinne einer fairen (und klugen) Lastenteilung m\u00fcssen alle Verzicht \u00fcben, Empf\u00e4nger und Geber von Unterst\u00fctzungsleistungen. Auch ein beliebig hohes Rettungspaket kann nur Geld bereitstellen, aber keine nicht hergestellten G\u00fcter herbeizaubern. In dem Ma\u00dfe, in dem Produktion in der Krise ausf\u00e4llt bzw. reduziert wird, sinkt das (reale) BIP und damit auch das insgesamt zur Verf\u00fcgung stehende Einkommen. Damit m\u00fcssen wir im Moment hinkommen. Wenn also das BIP \u00fcber das ganze Jahr gesehen um 20% zur\u00fcckgehen sollte (was aktuell dem pessimistischen <a href=\"https:\/\/www.ifo.de\/publikationen\/2020\/aufsatz-zeitschrift\/die-volkswirtschaftlichen-kosten-des-corona-shutdown\">ifo-Szenario<\/a> entspricht, das allerdings genau die Kettenreaktionen einrechnet, die nach dieser Sichtweise vermeidbar sind), m\u00fcssen wir auch im Durchschnitt und \u00fcber das Jahr gesehen (also leider nicht auf die Krisenmonate begrenzt) auf 20% Einkommen verzichten. \u00dcbrigens bedeutet das auch dann einen Konsumverzicht von etwa 20%, wenn der Staat versucht, alle Einkommensausf\u00e4lle mit Schulden zu finanzieren, weil die Produktion ja um 20% geschrumpft ist (die M\u00f6glichkeit, diese Konsuml\u00fccke mit Importen zu f\u00fcllen, ist in dieser Krise nicht realistisch). Dieser Einkommens- und Konsumverzicht muss nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr alle genau gleich ausfallen, sondern kann wie bei der progressiven Einkommensteuer R\u00fccksicht auf die finanzielle Lage der Haushalte und Unternehmen nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gedankenexperiment des Reiseb\u00fcros l\u00e4sst sich im Prinzip auf alle Dienstleistungen und Waren \u00fcbertragen, deren Produktion aufgrund der Krise ausf\u00e4llt und die nicht der Grundversorgung dienen, deren ersatzloser Ausfall also keine echte H\u00e4rte bedeutet. In all diesen F\u00e4llen k\u00f6nnen die potentiellen Kunden die verhinderten Leistungserbringer um den Preis eines verschmerzbaren Konsumverzichts weitgehend schadlos halten. Anders ist es bei notwendig gewordenen Anschaffungen (wie Ersatz f\u00fcr einen defekten K\u00fchlschrank) oder Dienstleistungen, die notwendig sind (d.h., darauf verzichten zu m\u00fcssen w\u00fcrde eine H\u00e4rte darstellen) und nur auf sp\u00e4ter verschoben werden (z.B. ein Wohnungsumzug). In diesen F\u00e4llen k\u00f6nnen wir das Geld nicht gedanklich von den potentiellen Kunden holen, da diese die Ausgaben ja nur aufschieben und das Geld sp\u00e4ter werden ausgeben m\u00fcssen. Um Unternehmen f\u00fcr solche Einkommensausf\u00e4lle zu entsch\u00e4digen, kann sich der Staat aber Geld leihen (was das wiederum gesamtwirtschaftlich genau bedeutet und welche Alternativen in Frage kommen, werde ich in einem anderen Text analysieren).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann man mit guten Gr\u00fcnden einwenden, dass eine solche Ma\u00dfnahme viele Unternehmen am Leben h\u00e4lt, die auch ohne Corona-Krise schon keine Zukunftsperspektive mehr hatten und die \u00fcber kurz oder lang vom Markt verschwinden sollten. Auch wenn dieser Einwand prinzipiell richtig ist, ist jetzt einfach nicht der Zeitpunkt daf\u00fcr, diese Unternehmen ihrem Schicksal zu \u00fcberlassen, denn die geballte Wucht  tausender Unternehmenspleiten in wenigen Wochen w\u00fcrde erhebliche soziale Verwerfungen, ein makro\u00f6konomisches Nachfrageproblem und m\u00f6glicherweise auch Risiken f\u00fcr die Finanzmarktstabilit\u00e4t mit sich bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die praktische Umsetzung eines solchen, nie dagewesenen Umverteilungsprogramms ist nat\u00fcrlich nicht einfach und wird nie ganz passgenau sein. Auch wird es sich nicht vermeiden lassen, dass Unternehmen Geld erhalten, die darauf nicht angewiesen sind, bzw. dass immer wieder mehr als erforderlich ausgezahlt wird. Diese Kosten sollten wir aber in Kauf nehmen, denn die Alternative ist um ein Vielfaches schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass zahlreiche Unternehmen im Zuge der Corona-Krise in die Insolvenz geraten, erscheint vielen unvermeidlich. Dabei ist es nicht einzusehen, warum wir Firmenpleiten zulassen sollten, denn es ist prinzipiell m\u00f6glich, \u00f6konomisch klug und vor allem ein Gebot der Fairness, das fast vollst\u00e4ndig zu verhindern. 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