{"id":66,"date":"2020-05-17T12:35:51","date_gmt":"2020-05-17T12:35:51","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-hirata.de\/?p=66"},"modified":"2020-05-17T12:35:51","modified_gmt":"2020-05-17T12:35:51","slug":"wir-sollten-existenzen-retten-nicht-den-gueterausstoss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-hirata.de\/archiv\/66","title":{"rendered":"Wir sollten Existenzen retten, nicht den G\u00fcteraussto\u00df"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Es ist mir nach wie vor unerkl\u00e4rlich, dass wir uns als Gesellschaft in der Krise so schwer tun, die \u00f6konomischen Nachteile der schwer getroffenen Haushalte und Unternehmen weitgehend auszugleichen. Das deutsche \u00f6konomische Krisenmanagement ist zwar im internationalen Vergleich ganz vorne mit dabei, aber im Vergleich mit dem, was m\u00f6glich und aus meiner Sicht auch geboten ist, gehen wir immer noch viel zu z\u00f6gerlich zur Sache. Das Hauptproblem sehe ich darin, dass unsere Zielsetzung von Grunde auf verkehrt ist. Es scheint, als w\u00e4re es wichtiger, den G\u00fcteraussto\u00df der Volkswirtschaft sicherzustellen als Existenzen zu retten \u2013 als w\u00e4ren wir in einem Computerspiel eines b\u00f6sen Programmierers gefangen, in dem wir nur \u00fcberleben k\u00f6nnen, indem wir m\u00f6glichst viele Gegenst\u00e4nde produzieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00d6konomen und Politiker stellen die Lage so dar, dass wir jetzt zwischen Gesundheit und Wohlstand w\u00e4hlen m\u00fcssen. Die Einschr\u00e4nkungen der Wirtschaft f\u00fchren nach dieser Sichtweise unmittelbar zu finanziellen Notlagen von Unternehmen und Privathaushalten. Dabei ist es doch so: All die Dinge, auf die es wirklich ankommt (Lebensmittel, Strom, Wasser, Internet &#8230;) und viele Annehmlichkeiten dar\u00fcber hinaus (Blumenerde, Spielekonsolen, Streamingdienste \u2026) werden weiterhin produziert und sind fast uneingeschr\u00e4nkt verf\u00fcgbar. Wir m\u00fcssen ohne Frage auf wertvolle Dinge wie Reisen und Veranstaltungen verzichten, aber damit kommen wir im Notfall, der jetzt eingetreten ist, ein paar Monate lang zurecht. Das ist der Preis, den das Virus uns abverlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht verzichten k\u00f6nnen Kellnerinnen, Fahrschullehrer und viele andere darauf, dass sie weiterhin jeden Monat Geld auf Ihr Konto bekommen, mit dem sie ihre Rechnungen bezahlen k\u00f6nnen. F\u00fcr viele ist das in der Tat sichergestellt, aber eben noch lange nicht f\u00fcr alle, und daf\u00fcr gibt es keinen guten Grund. Denn das Geld ist ja da: Gesch\u00e4tzt 75% der deutschen Haushalte d\u00fcrften nicht von nennenswerten Einkommenseinbu\u00dfen betroffen sein und k\u00f6nnten ohne gr\u00f6\u00dfere Zumutungen so viel Geld aufbringen, dass allen geholfen werden kann (wie ich zu dieser Zahl komme, erl\u00e4utere ich im n\u00e4chsten Beitrag). Es bedarf also eines m\u00f6glichst umfassenden Lastenausgleichs, d.h. eines zeitlich befristeten <a href=\"https:\/\/johannes-hirata.de\/?p=37\">Programms der Einkommensumverteilung<\/a>. Das alles m\u00f6glichst zielsicher und kosteneffizient zu organisieren ist nat\u00fcrlich eine gro\u00dfe Aufgabe, die nicht zu 100% gelingen wird. Im Moment macht sich aber eine unberechtigte Selbstgef\u00e4lligkeit breit, als h\u00e4tten wir schon alles erledigt, was erwartet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Vers\u00e4umnis ist in erster Linie gegen\u00fcber den angesprochenen Kellnerinnen und Fahrschullehrern zutiefst ungerecht. Wenn wir von ihnen verlangen, unserer aller Gesundheit zuliebe ihre Arbeit einzustellen, sollte es sich von selbst verstehen, dass wir sie daf\u00fcr weitgehend entsch\u00e4digen. Dar\u00fcber hinaus ist es aber auch makro\u00f6konomisch und politisch unklug, hier zu zaghaft zu sein mit der Umverteilung von Einkommen. Makro\u00f6konomisch, weil eine konsequente Lastenteilung Menschen und Unternehmen ihre \u00f6konomischen Zukunfts\u00e4ngste nehmen k\u00f6nnte. Das aber ist entscheidend daf\u00fcr, das Risiko einer kaum kontrollierbaren Abw\u00e4rtsspirale von pessimistischen Erwartungen und Arbeitsplatzabbau zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Politisch ist es fahrl\u00e4ssig, weil bereits jetzt absehbar ist, dass die Krisenverlierer fr\u00fcher oder sp\u00e4ter erkennen werden, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil der Krisenkosten mal wieder vor allem bei denen h\u00e4ngen geblieben ist, die schon immer als Letzte dran waren, w\u00e4hrend Lehrerinnen, Vonovia-Aktion\u00e4re und Topmanagerinnen finanziell v\u00f6llig unbeschadet durch die Krise gekommen sind. Sp\u00e4testens, wenn diese sich reihenweise neue Autos vor die T\u00fcre stellen, die sie nicht nur im guten Glauben, deutsche Arbeitspl\u00e4tze zu sichern, sondern dank der zu erwartenden Rabattschlachten der Autoproduzenten (oder gar dank staatlicher Subventionen) auch noch verbilligt erworben haben, darf sich keiner mehr \u00fcber ein Wiedererstarken der AfD wundern. Dann wird es aber um einiges schwieriger sein, diese Ungerechtigkeiten zu korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weigerung, eine konsequente Umverteilung von Einkommen auch nur in den Blick zu nehmen, l\u00e4sst als einzigen Ausweg die Strategie, m\u00f6glichst schnell die Produktion und den Absatz wieder hochzufahren. Wir produzieren also mal wieder nicht, um mit den hergestellten G\u00fctern Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, sondern um so viel Einkommen zu generieren, dass es auch dann noch f\u00fcr alle reicht, wenn die <a href=\"https:\/\/www.econstor.eu\/bitstream\/10419\/173082\/1\/1010931660.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">obersten 10% schon 40% aller Einkommen<\/a> f\u00fcr sich in Anspruch genommen haben. Das ist schon vor der Krise bei n\u00fcchterner Betrachtung irrsinnig gewesen und f\u00fchrt jetzt dazu, dass wir meinen, das Risiko eines Wiederaufflammens der exponentiellen Virus-Ausbreitung in Kauf nehmen zu m\u00fcssen, weil die vermeintlich einzige Alternative, n\u00e4mlich Existenzen aufs Spiel zu setzen, uns als das noch gr\u00f6\u00dfere \u00dcbel erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist die dritte Alternative im Prinzip ganz einfach: Wenn es zu riskant ist, sich beispielsweise in Konzerts\u00e4len aufzuhalten, man aber andererseits freiberuflichen Musikerinnen keine noch l\u00e4ngeren Einkommensausf\u00e4lle zumuten m\u00f6chte, dann entsch\u00e4digen wir sie eben f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der entgangenen Einnahmen. Das kann zu einem Teil mit vom Staat geliehenen Geld passieren, zu einem anderen Teil sollte es aber auch aus einer Extra-Steuer finanziert werden. Mit welchem Argument k\u00f6nnte z.B. eine verbeamtete Lehrerin es ablehnen, ein paar hundert Euro pro Krisenmonat an diejenigen abzugeben, die auch ihr zuliebe f\u00fcr diese Zeit ihre L\u00e4den dichtgemacht haben? Das Geld hat sie in aller Regel ja ohnehin jetzt zur Verf\u00fcgung, weil sie ihr Urlaubs- und Freizeitbudget momentan nicht ausgeben kann. \u00c4hnlich kann man sich fragen, was genau ein DAX-Vorstandsmitglied dagegen einwenden kann, f\u00fcr ein paar Monate z.B. 35% von seinem \u20ac200.000 Bruttogehalt im Monat f\u00fcr die erforderlichen Entsch\u00e4digungen beizusteuern \u2013 dann blieben ihm halt noch etwa \u20ac30.000 monatlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wenig komplizierter wird es mit den erforderlichen Umverteilungsma\u00dfnahmen, wenn wir auch noch die Rolle von Unternehmen ber\u00fccksichtigen. Vereinfacht gesagt besteht bei Unternehmen das Problem vor allem darin, dass Zahlungsverpflichtungen f\u00fcr Kapitalkosten wie Mieten und Zinsen weiterbestehen, auch wenn weniger oder gar nichts eingenommen wird (die Lohnkosten sind f\u00fcr die meisten Unternehmen dank Kurzarbeitregelungen ein geringeres Problem). Wenn der Staat betroffenen Unternehmen diese Kosten weitgehend ersetzt, landet dieses Geld am Ende auch in den H\u00e4nden von wohlhabenden Unternehmen und Personen, die im Grunde keinen Bedarf an staatlicher Unterst\u00fctzung haben. Dennoch sollten diese, sofern sie nicht freiwillig die Zahlungen erlassen, das ihnen zustehende Geld erhalten, da es sehr gute Gr\u00fcnde gibt, Vertr\u00e4ge auch in Krisenzeiten nicht in Frage zu stellen. Allerdings sollten ertragreiche Unternehmen und Bezieher von Kapitaleinkommen dann auch eine Sondersteuer abf\u00fchren, um einen Teil dieser Kosten mitzutragen. Dann w\u00e4re es auch plausibel, Unternehmen nicht erst dann zu helfen, wenn ihre Reserven aufgebraucht sind, sondern bereits um zu verhindern, dass sie ihre Reserven antasten m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Von der Qualit\u00e4t der Krisenbew\u00e4ltigung wird in hohem Ma\u00dfe abh\u00e4ngen, ob wir weiterhin eine starke Wachstumsorientierung erleben werden, oder ob eine Postwachstumsorientierung, die auf lebensdienliches Wirtschaften setzt, eine Chance bekommt. Wenn wir den aktuellen Kurs beibehalten und vermeidbare Firmenpleiten, Jobverluste und den finanziellen Absturz von Familien in der Mitteklasse in Kauf nehmen und gleichzeitig eine lastenausgleichende Umverteilung kategorisch ausschlie\u00dfen, bleibt am Ende wieder nur Wirtschaftswachstum als einzige Hoffnung f\u00fcr die Krisenverlierer und f\u00fcr den sozialen Frieden. Wenn wir allerdings jetzt unter Beweis stellen, dass es m\u00f6glich und vorteilhaft ist, die Wirtschaft nach Ma\u00dfgabe dessen zu organisieren, was lebensdienlich ist und nicht danach, wie Geld verdient werden kann, dann wird vielleicht sichtbar, dass wir nicht in einem b\u00f6sen Computerspiel gefangen sind, in dem wir m\u00f6glichst viele Sachen herstellen und konsumieren m\u00fcssen, nur um zu \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist mir nach wie vor unerkl\u00e4rlich, dass wir uns als Gesellschaft in der Krise so schwer tun, die \u00f6konomischen Nachteile der schwer getroffenen Haushalte und Unternehmen weitgehend auszugleichen. 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